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Könntest Du mal bitte absteigen?

 

Als ich meinen neuen Freund, Johannes, kennen lernte, wusste ich bereits, dass er passionierter Motorradfahrer war. Meine Vorstellung von passioniertem Motorradfahrer hatte jedoch mit dem, was mich erwartete, nichts zu tun.

Wir lernten uns in München kennen, später auch lieben. Aber um die Dinge zu verstehen, muss ich vorn anfangen.

Es begann zu der Zeit, als meine kleine heile Welt in meinem Geburtsort Bremen zusammenbrach. Gerade hatte ich meinen damaligen Lebenspartner verlassen und war ziemlich niedergeschlagen. Meine Freundin und Arbeitskollegin, Heide, lud mich zu einem Kurztrip nach München ein, wo ich mit Ihr und Ihrem neuen Freund, Mark, ein paar Tage zur Ablenkung verbringen sollte. München reizte mich außerordentlich und so sagte ich spontan zu.

Wir fuhren also am kommenden Wochenende nach München. Dort angekommen, trafen wir uns mit Ihrem Mark und dessen Freund Johannes in einem kleinen Cafe. Von Johannes hatte ich schon die ganze Fahrt erzählt bekommen und dass die beiden Männer dicke Freunde und beide leidenschaftliche Motorradfahrer sind. Und es waren auch ganz besondere Motorräder erzählte mir Heide, nämlich Moto Guzzis. Nun denn, ich hatte keinen blassen Schimmer von Motorrädern und viel mitgefahren war ich auch noch nicht, eigentlich fand ich das überhaupt nicht prickelnd. Heide hingegen fährt selbst Motorrad und war so begeistert, dass es kaum ein anderes Thema gab.

So trafen wir uns dann in dem kleinen Cafe und ich dachte, du lieber Himmel, ein Rocker! Den hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Wie bereits erwähnt, hatte ich mit Motorradfahrern bzw. Moto Guzzi-Fahrern bis dahin keine Erfahrung. Wir fanden uns gegenseitig wahrscheinlich etwas exotisch. Allerdings im Laufe des Tages und im Besonderen des Abends kehrte sich das grundlegend um. Am nächsten Tag fanden wir uns extrem sympathisch und ich war bis über beide Ohren verknallt. In einen Rockertypen mit einer Moto Guzzi. Wie sollte ich das zu Hause bloß meiner Mutter erklären. Na ja, davon später.

Am darauffolgenden Tag verabredeten wir uns mit den anderen Beiden zu einer Moto-Guzzi-Ausfahrt in die Berge. Super - ich war total aufgeregt. Meine erste längere Tour und ich wollte ja auch unbedingt alles richtig machen und vor allen Dingen keine Blöße zeigen. Also erstickte ich meine Bedenken, die mich immer mal wieder beschlichen, im Keim und freute mich auf einen Trip ins Gebirge. Ich bin ein Kind des Nordens aber ich liebe die Berge.

Mittlerweile war ich bereits zu Johannes - dem Rocker - übergesiedelt. Wie es eben so ist, wenn man frischverliebt ist, haben wir etwas die Zeit vergessen und Johannes war todunglücklich, weil er mir kein Frühstück machen konnte. Wir würden niemals pünktlich zu unseren Freunden kommen, mit Frühstück brauchten wir gar nicht mehr losfahren. Also schoben wir uns ein Stück Wurst in den Kopp und gut war. Er hat nicht damit gerechnet, so was zu hören. Er steckte mich immer noch in die Kategorie „verwöhnte Göre", ohne Frühstück, nicht zu genießen. Johannes sollte sich noch häufiger wundern.

Nun denn, schnell in die Klamotten gesprungen, für mich gab es alles geliehene Sachen, manches passte, anderes nicht so richtig. Der Helm war die Krönung, den ganzen Tag hatte ich einen roten Striemen am Kopf. Und abends dachte ich mir fliegt der Schädel weg. Aber durchhalten war die Devise.

Nun kam der aufregende Moment, ich stieg mit Elan - dachte ich zumindest - hinter Johannes auf seine Moto Guzzi auf. War nicht sonderlich schwierig, fast wie auf ein Pferd aufsteigen. Zu diesem Zeitpunkt fand ich die Sitzbank auch noch ganz bequem. Johannes ließ den Motor an und ich dachte im ersten Moment, mein Gott, die ist schon kaputt oder hat die eventuell gar keinen Auspuff? Doch ungerührt von Lärm und Gestank, fragte Johannes mich, ob alles in Ordnung wäre. Ich nickte, besann mich dann, dass er das ja nicht sehen kann und brüllte ihm durch meinen Helm ein „OK" zu. Nun tuckerten wir vom Gehsteig runter auf die Straße und ich dachte nur an Kurven und jede Bewegung mitmachen. Bei der ersten Kurve, bin ich auch gleich schön mit in die Kurvenlage gegangen, erhielt allerdings sofort den Rüffel, dass ich ganz locker bleiben solle. Ich hatte wohl mehr Kurvenlage als Kurve da war. Also vorsichtiger sein und mal etwas näher an Johannes ranrücken. Auf der großen Guzzi-Sitzbank gar nicht so leicht, wenn man nur so einen kleinen Hintern hat. Da rutscht man ganz schön hin und her. So nun waren wir schon durch die halbe Stadt gefahren und kamen endlich bei unseren Freunden an. Mussten natürlich hämische Lästereien wegen der Verspätung hinnehmen. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass sich die Lästereien mehr auf die Guzzi bezogen. Ach was war ich da noch guter Dinge.

Nachdem sich nun alle wieder anständig angezogen hatten, wieder rauf auf das Ungetüm. Ich fand mich schon richtig gut, wie eine Profi-Sozia. Nach kurzer Zeit waren wir aus München raus auf der Autobahn und fuhren gen Süden. Ich war total euphorisch und fand das ganze unglaublich spannend. Angst hatte ich überhaupt keine, fühlte mich hinter meinem „Rocker" total sicher und wohl. Mir tat nichts weh und ich saß auch recht gut auf der riesigen Sitzbank. An das Kurvenfahren hatte ich mich auch schnell gewöhnt, machte einfach locker die Bewegung des Motorrads mit und orientierte mich an Johannes. Alles in allem lief es ganz gut, dachte ich.

Nun fuhren wir schon eine geraume Zeit auf der Autobahn und ich dachte, irgendwann müssen die doch mal anhalten. Wieviel Sprit passt denn bloß in den Tank und muss gar keiner auf die Toilette? Der wahre Grund war, ich konnte kaum mehr auf dem Ungeheuer sitzen, meine Arme taten weh, vom verkrampften Festhalten und von dem Befinden meines Unterkörpers wollen wir mal gar nicht reden. Als ich absteigen wollte, betete ich nur noch darum, nicht einfach umzufallen, weil die Beine den Dienst versagen. Doch sie hielten, keiner merkte etwas oder keiner sagte was. Nachdem aufgetankt war, ließen wir uns in einem kleinen Restaurant nieder und wir Mädels gingen erst mal zur Toilette. Heide lachte sich fast schlapp, als sie sah, wie ich mich die Treppen zur Toilette runterschleppte. Sie machte mir Mut und meinte, das gibt sich mit der Zeit. Ja, dachte ich, wann denn bloß, in ein paar Tagen muss ich wieder normal gehen können. Im Moment hatte ich das Gefühl ich bräuchte dringend einen Orthopäden. Aber bloß keine Schwäche zeigen, tapfer durchhalten. Wieder bei den Männern, wollte ich mit ihnen auf die erste Tour anstoßen, mit Spezi natürlich, was mir nur unter Mühe gelang. Meine Hände zitterten so, dass mir beinahe das Glas aus der Hand gefallen wäre. Keine Schwäche zeigen, tapfer festhalten und austrinken. Das Essen mit Messer und Gabel bereitete mir allerdings keine Schwierigkeiten.

Als wir dann unsere Mittagspause beendet hatten, ging es weiter. Mittlerweile war es auch schön warm geworden. Ein richtiger schöner Herbsttag und ich kämpfte mich wieder auf diese Sitzbank. Ein bisschen besser hingeruckelt, weiter ran an Johannes und nicht so verkrampft festhalten. Ich versuchte all die gut gemeinten Ratschläge umzusetzen und gab mein Bestes. Als es dann endlich losgehen sollte, gab die Guzzi allerdings keinen Laut von sich. Ein paar Mal hatte Johannes versucht, das Ding anzulassen, bis ich das erste Mal die magischen Worte hörte, die mich ein Sozialeben nicht mehr loslassen sollten: „Kannst Du bitte mal absteigen?!"

Mittlerweile hatten Mark und Heide Ihre Maschinen ausgemacht und sind auch schon abgestiegen. Heide grinste, kam auf mich zu und sagte mir, wir könnten uns ruhig ausziehen und ein bisschen in die Sonne setzen. Mark und Johannes kümmerten sich um die kranke Guzzi. Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde und wir Mädels konnten uns wieder anziehen. Johannes war etwas schmutzig, etwas verschwitzt aber guter Dinge und meinte, wir könnten jetzt los. Allerdings musste ich, während er sich anzog, die Guzzi am Gas halten, damit sie nicht wieder ausginge. Das versuchte ich auch brav und dachte bei mir, hoffentlich zieht er sich schnell an, sonst habe ich gleich eine Sehnenscheidenentzündung. Ich wusste gar nicht, wie schwer so ein Gasgriff sein konnte. Bei meinem Mofa damals war das total easy. Ruck zuck war Johannes angezogen - er kannte offensichtlich seinen Gasgriff - und wieder hievte ich mich auf die Sitzbank.

Potzblitz, diesmal gings tatsächlich los und ich konnte sogar einigermaßen entspannt hinten drauf sitzen. Mittlerweile waren wir in einer schönen Gegend angekommen und ich war begeistert von der Bergwelt und dem Erleben des Ganzen von dem Motorrad aus. Man hat wirklich das Gefühl man erlebt die Natur pur. Fast wie mit dem Fahrrad, nur etwas schneller und lauter und zugegebenermaßen auch etwas stinkiger. Aber man kann nun mal nicht alles haben, als „Easy-Rider".

Nun kamen wir in ein Gebiet, in dem das richtige Kurvenfahren begann. Und nun kam für mich die nächste Herausforderung. Es ging hin und her und ich fand das erst mal total klasse. Dieses hin- und herwiegen des Motorrades erinnerte mich ein wenig an Schaukelbewegungen, die herrliche Bergwelt, die Gerüche - außer dem Abgasgestank - ich war begeistert. Nach einiger Zeit merkte ich meine Knochen wieder und mein Steißbein schien sich dem Bügel der Sitzbank angepasst zu haben oder war irgendwie taub geworden. Ich war jedenfalls über eine kleine Cappuccino-Pause sehr begeistert. So trafen wir endlich in Sterzing ein und landeten beim „Klammerwirt". Absteigen, schön langsam runterrutschen, Beine gerade, Rücken aufrecht. Wo ist mein Steißbein? Noch dran, ok, aber in einem ausgesprochen desolatem Zustand. Ich wusste nicht so recht, ob ich mich auf einen Stuhl setzen könnte, Hauptsache erst mal runter von dem Bock.

Wir machten es uns auf der Terrasse gemütlich und nach einer Weile ging es mir sogar wieder einigermaßen gut. Der Sitz war gepolstert und ich konnte ja auch ständig meine Sitzposition ändern. Die Beine ausstrecken, wie herrlich. Nachdem wir nun einige Zeit auf dieser schönen Terrasse verbracht hatten, war es Zeit wieder aufzubrechen und nach Hause zu fahren. Daran hatte ich gar keinen Gedanken verschwendet. Vielleicht hatte ich es auch nur verdrängt, wieder auf dieses Ungetüm klettern zu müssen. Aber nun gut, wer A sagt muss auch das restliche Alphabet aushalten. Also noch mal schnell zur Toilette und ab ging's.

Wieder in die Klamotten gequält, allmählich ging mir der lästige Helm richtig auf die Nerven. Es war immer noch herrlich sonnig und warm. Schade, dass man beim Motorradfahren immer so viel anziehen muss. Vor allem trugen wir damals noch Lederbekleidung und atmungsaktiv war die nicht wirklich.

Die anderen beiden waren schon fertig und winkten kurz und waren auch schon davon getuckert. Johannes drängte mich aufzusteigen und ich machte mich auch gleich auf die Guzzi. Behende wie eine schwangere Elefantenkuh schwang ich mich auf die Guzzi. Plumps und ich saß. Dann ließ Johannes die Maschine an und ich sah verwundert irgendetwas davonfliegen. Es sah urkomisch aus, Johannes betätigte den Starter und dann flogen im hohen Bogen kleine Teilchen davon. Ich hätte mich ausschütten können vor Lachen, weil ich dachte, dass ist wohl ein Gag. Irgendwie fand Johannes das nicht so witzig und sagte die magischen Worte: „Kannst Du bitte mal absteigen?"

Natürlich, auch das konnte nur ein Witz sein. Gerade hatte ich mich auf diesen Eisenhaufen gequält, nun wieder runter. Der Tonfall machte mir klar, dass Diskussionen jetzt fehl am Platz waren und ich stieg brav ab. Johannes auch. Dann erklärte er mir, dass der Starter davongeflogen war und die Guzzi nun angeschoben werden müsse um sie erneut zu starten. Aber kein Problem, Mark würde sicher in der Nähe warten und sobald er merkt, dass wir nicht folgen, würde er umdrehen und zurückkommen. Also setzten wir uns an den Straßenrand und warteten. Und warteten lange und länger. Johannes beteuerte mehrmals, sein Freund wüsste über Guzzis Bescheid und es könne immer mal passieren, dass etwas ausfällt. Darum würde er auch sofort umdrehen, wenn wir nicht nachkämen. Er hatte allerdings nicht bedacht, dass Mark auch schwerverliebt war und die beiden Turteltauben wollten so alsbald nach Hause ins Nest. Kurzum es kam kein Mark. Johannes stellte sich irgendwann dem unabänderlichen, er musste seine alte Lady selber anschieben. Ich saß immer noch am Straßenrand, mit dem Helm und den Handschuhen von Johannes auf dem Schoß. Helfen bräuchte ich nicht, er schiebe die Maschine jetzt die Anhöhe der Straße rauf und ließe sie dann runterrollen um sie anzulassen. Nach dem zweiten Versuch hielt ich seine Jacke in der Hand und beim zehnten Versuch und mehreren Pausen, in denen sich Johannes von der Anstrengung erholen musste und seine Laune erheblich gesunken war, hatte er außer seinen Stiefeln und Hosen nur noch ein T-Shirt an. Dann endlich mit einem lauten Knall lief sie. Die alte Lady war wiederbelebt. Wieder musste ich diesen Gas-Griff halten und Johannes beeilte sich in seine Klamotten zu kommen. Dann schnell aufgestiegen und eine Fahrt auf der alten Brennerstraße begann, die mich an Achterbahn-Fahrten erinnerte.

Johannes gab Gas. Mir war bis jetzt gar nicht bewusst geworden, wie schnell man mit diesem Eisenhaufen fahren kann. Und in diesen Kurven war mir rätselhaft, wieso wir nicht irgendwo an einer Felswand klebten. Er war ein wenig von dem Verhalten seines Freundes enttäuscht und dass ich mich über seine Slapstick-Einlage mit dem Anlasser und dem verzweifelten Versuchen die Guzzi zu starten, lustig gemacht habe, hat seine Laune auch nicht gerade verbessert.

Und dann sah er ihn. Diesen fremden Guzzi-Fahrer. Lässig gekleidet, d.h. die nackten Beine schauten aus der Kombi-Hose. Motorradstiefel hatte er wohl auch keine. Und überholen ließ er sich auch nicht. Ich wusste damals noch nicht, dass dieser Umstand auch an seiner Guzzi-Fahrer-Ehre nagte. Nun war der Moment gekommen, an dem er seinen Frust ausleben konnte. Ich lernte hier, wie man sich in solchen Ausnahmesituationen festklammert. Er gab alles, noch eine Kehre hinter dem Fremdling. Hui, dass war wie fliegen. In meinem Bauch purzelten die Schmetterlinge durcheinander. Ich konnte nicht anders, ich bog mich vor Lachen, soviel Spaß hatte mir der ganze Tag noch nicht gemacht. Vergessen war für diesen Moment die Quälerei auf der Sitzbank und der unbequeme Helm. Mein Adrenalinspiegel war so hoch, es gab keine Schmerzen. Und dann hatte er ihn. In einer Kurve versäbelte er den Fremdling. Zack noch ne Kurve, gleiche

Geschwindigkeit und dann war da dieser Reisebus. Der wollte auch um die Kurve fahren und holte aus. Mir wurde schlagartig bewusst, wir mussten daran vorbei! Aber da war auf der anderen Seite die Felswand. Egal wir mussten vorbei. Ich kann mich noch heute sehr gut an die untertassengroßen Augen erinnern, die der Busfahrer im Gesicht hatte, als wir knapp an seinem Außenspiegel vorbeidonnerten. Ich hatte einen Heidenspaß. Und der Busfahrer? ich weiß es nicht, vielleicht fährt er heute Straßenbahn in Castrop Rauxel.

Endlich unten angekommen war Johannes etwas ruhiger geworden. Schade, mir hat's gefallen. Dann am Ortsschild Innsbruck fanden wir plötzlich unsere beiden verlorenen Freunde wieder. Völlig abgenervt, wo wir denn bleiben würden, wurden wir empfangen. Ich brauch wohl nicht zu betonen, dass die Antwort nicht gerade freundlich ausgefallen ist. Zusammen setzten wir den Weg nach München fort.

Wir mussten noch einmal anhalten um zu tanken. Ich hielt tapfer den Gasgriff fest und betete, dass die Höllenmaschine nicht ausging, während Johannes zum Zahlen ging. Sie hat mich nicht enttäuscht. Bis nach München lief sie brav und ohne Murren. Vor der Haustür stellte Johannes sie ab und wieder hörte ich: „Könntest Du mal bitte absteigen?" Ich war so dankbar, diese Worte zu hören. Ca. eine Stunde im Rheuma-Bad und ich konnte mich wieder so weit bewegen, dass wir gemütlich ein Glas Wein trinken konnten. Als wir später dann todmüde ins Bett fielen sagte ich: „Könntest Du mal bitte absteigen?"