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Die Eingewöhnungstour

 

Nachdem ich nun erfahren habe, was eine Motorrad-Ausfahrt ist, sollte ich nun erleben, was eine Motorrad-Tour ist. Bis zu diesem Zeitpunkt war es für mich nur eine reine Form der Bezeichnung für einen Ausflug. Nun merkte ich, dass ich als Sozia noch viel lernen musste.

Mittlerweile befanden wir uns in einer Wochenend-Beziehung. Abwechselnd fuhr der eine nach München und der andere nach Bremen. Die meisten Wochenenden verbrachten wir allerdings in München, da meine Arbeitszeiten günstiger waren. Und dann nutzten wir diese kurzen Wochenenden natürlich besonders effektiv aus.

An einem dieser Wochenenden, war das Wetter ausgesprochen schön und Johannes meinte, es wäre an der Zeit einmal eine richtige Motorradtour zu unternehmen. Mittlerweile hatte ich eigene Motorradbekleidung und einen anständigen Helm, alles passte perfekt und ich fühlte mich viel wohler, als bei der ersten Tour - halt, das war ja nur eine Ausfahrt -.

Ich freute mich also, am Sonntag eine sogenannte richtige Motorradtour zu unternehmen. Johannes hatte eine schöne Strecke ausgesucht und ich vertraute natürlich auf seine Ortskenntnisse und seine langjährige Erfahrung. Da ich mich um nichts zu kümmern brauchte, als nur darum, dass wir nicht verschliefen und vielleicht auch noch ein Frühstück drin war, sah ich dem Tag mit Vorfreude entgegen.

Der Sonntagmorgen war wunderschön. Wir standen pünktlich auf und konnten ein Frühstück auf dem Mini-Balkon genießen. Das der Nachbar die Zeitung gleich mitlesen konnte, daran hatte ich mich auch schon gewöhnt. Der Ausblick auf den Innenhof des Wohnblocks war für mich wie der Panoramablick der Kitzbühler Alpen. Bis über beide Ohren verknallt in meinen Guzzi-Rocker und glücklich, das ganze auch noch in München erleben zu können, hätte ich sogar den Hinterhof in Hasenbergl hübsch gefunden.

Sobald Johannes die letzten Krümel seiner Semmel verdrückt hatte, wurde er ungemütlich, fing sofort an, den Tisch abzuräumen und begann sich anzuziehen. Auch dass musste ich schnell lernen: wenn Johannes sich anzog, beeilte man sich besser und war möglichst gleichzeitig angezogen. Denn wer zu spät kommt, kann nicht mehr mitfahren. Schnell war ich fertig und stand abfahrbereit vor der alten Lady auf dem Gehsteig.

„Natürlich!" dachte ich mir nach fünf Minuten, ich hätte ruhig noch eine Tasse Kaffee trinken können. Bis er das Ungetüm in Gang hat, ist ja Mittag. Nach weiteren zehn Minuten hatte ich mich schon wieder halb ausgezogen, es war eben ein wunderschöner Sonnentag. Man könnte auch zum See gehen, in den englischen

Garten, oder oder..... Dann plötzlich und unerwartet war es soweit; schnell alles wieder anziehen, Helm aufsetzen und aufgestiegen. Dann erwartete ich das langsame Anfahren und losgetuckert. Aber es tat sich erst einmal gar nichts. Was dann kam war: „Kannst Du mal bitte absteigen?" Oh Mann, wie wäre es schön, wenn man einfach auf irgend eine Maschine steigen könnte, die auch dann funktioniert, wenn man sie braucht. Nun denn, wieder runter vom Bock.

Nach weiteren fünfzehn Minuten kamen wir dann doch noch vom Gehsteig runter und sofort waren die Mätzchen von dem Schätzchen vergessen.

Nachdem wir quer durch die Stadt gedüst waren, brausten wir auf der Autobahn Richtung Süden. Mittlerweile hatte ich schon einigermaßen Übung, wie und wo ich mich am besten auf der Sitzbank platzieren musste, um eine Fahrt auf der Guzzi zu überstehen und ohne hinterher ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. So war ich guter Dinge, als wir die Autobahn verließen und auf Landstraßen weiter gen Süden die Landschaft bei traumhaftem Wetter genossen.

Den obligatorischen Guzzi-Satz „Kannst Du bitte mal absteigen" hörte ich nur noch, wenn wir an besonders schönen Plätzen anhielten, um die Natur zu genießen oder bei den Tankstopps.

Es ging die alte Brennerstraße entlang und ich fühlte mich wieder wie eine Easy-Rider-Sozia. Uns fegte ein laues Lüftchen um die Helme, mir zumindest, wenn's schlimmer wurde, versteckte ich mich hinter Johannes´ breitem Rücken. Sozia sein, hat auch seine Vorteile. Den Brenner hinter uns lassend, fanden wir uns zum Mittagessen wieder mal in Sterzing, beim Klammerwirt ein. Ich stieg ohne Aufforderung ab und fühlte mich noch immer ganz gut. Nun ja, der Hintern war ein wenig platter als sonst, aber irgendwas ist ja immer. Wir genossen ein sehr gutes Mittagessen und setzen dann unsere Tour fort. Und als hätte unsere alte Lady ein Einsehen mit uns, sprang sie sofort und ohne Widerspruch an. Weiter ging es in Richtung Jaufenpaß.

Meine Güte, jetzt ging's aber richtig los. Ich freute mich über Kurvenfahren, mittlerweile gefiel mir das richtig gut. Ich saß ziemlich relaxed hinten auf der alten Lady. Aber der Jaufen war dann doch eine richtige Herausforderung für mein Sitzfleisch und ich musste ziemlich ackern, damit wir nicht ständig mit den Helmen zusammen knallten. Trotzdem, ich hatte viel Spaß. Allerdings, Johannes war nicht mehr zu bremsen. Es ging erst rauf, dann wieder runter, alles in einem Tempo, welches mich schon wieder an eine Achterbahnfahrt erinnerte.

Als wir den Jaufen hinter uns hatten, dachte er auch nicht im Entferntesten an Pause. Wir fuhren durch wunderschöne Landschaften, ich genoss wieder meine geliebte Bergwelt und freute mich über den schönen Tag. Allerdings irgendwann musste ich

dann doch mal um einen Halt bitten. Allmählich spürte ich mein Hinterteil mehr als mir lieb war und hatte das Gefühl, ich muss meine Hosengrößen um zwei Größen nach oben korrigieren. Wir suchten uns ein nettes Café und tranken Cappucino, streckten die Beine aus und saßen schön in der Sonne. Johannes erklärte mir dann, wo wir noch überall hinwollten und da ich eh keine Ahnung hatte, nickte ich nur. Gestärkt und nach einigem Recken und Strecken ging's dann weiter.

So wirklich habe ich irgendwann gar nicht mehr darauf geachtet, wo wir langfuhren. Ich hatte wieder damit zu tun, meinen Körper zusammenzuhalten und dachte nur noch eins: NIEMALS AUFGEBEN!! Dieser Eisenhaufen schafft mich nicht. Ich werde die Zähne zusammenbeißen, bis die Füllungen qualmen. Aber ich werde keinen Ton des Jammerns von mir geben. Johannes schien aufgefallen zu sein, dass ich mich nicht mehr so richtig auf die Landschaft konzentrierte. Wenn er mir durch Handzeichen besonders schöne Plätze zeigte, reagierte ich kaum noch oder sehr verspätet. War eben mehr damit beschäftigt, daran zu denken, wie ich wohl am Dienstag bei der Arbeit auf dem Stuhl sitzen sollte. Glücklicherweise hatte ich am Montag frei und musste nur im Zug sitzen. Oh je, schon wieder sitzen! Vielleicht könnte ich ja auch im Stehen arbeiten. Musste ich nicht irgendwelche Ordner anlegen oder sortieren? Na ja, bis dahin ist ja noch viel Zeit.

Die Sonne stand schon ziemlich tief und ich fand, wir waren noch Lichtjahre von zu Hause entfernt. Vor lauter Muskeln anspannen und auf Kurven achten, nicht nach hinten rutschen, nicht nach vorn dem Johannes ins Kreuz fallen, wusste ich überhaupt nicht wo wir waren. Johannes fragte mich, ob wir Pause machen sollten, aber ich wollte nur noch nach Hause. Ich dachte mir, wenn Du jetzt absteigst, kommst Du nie mehr rauf. Und ich wollte mir auf keinen Fall die Blöße geben und zugeben, dass mir die „TOUR" zuviel war. Also kein Hunger, kein Mitleid, keine Tränen, weiter nach Hause. Einen Tankstopp musste ich dann doch noch aushalten, aber Johannes schien nicht zu bemerken, dass ich vor lauter Zähne zusammenbeißen, kaum sprechen konnte. Oder er hat sich nichts anmerken lassen. War mir aber schon piepegal.

Dann irgendwann im Dunkeln war es soweit. Wir donnerten in unsere Straße und hämmerten den Gehsteig hinauf und ich rutschte von dieser Sitzbank runter, kam ziemlich wackelig auf dem Pflaster zum Stehen und machte mir so meine Gedanken, wie ich jetzt wieder mal diese fiesen Stufen bis in unsere Wohnung kommen sollte. Wahrscheinlich sah ich aus, wie meine Großmutter, so krumm und auch so alt. Aber Johannes sagte immer noch nichts. Tapfer kämpfte ich mich die Treppen hoch und überlegte fieberhaft, wie ich mit meinen steifen Gliedern aus diesen ebenso steifen Motorradklamotten kommen sollte. Als ich auch diese Hürde genommen hatte und ins Bad gewackelt kam, war die Badewanne voll heißem Wasser und ich konnte meinen geschundenen Körper mit einem entspannenden Rheumabad verwöhnen.

Grinsend stand Johannes in der Tür und meinte nur: „Na, da Du die 750 km als Eingewöhnungstour auf meiner alten Lady aushältst, ohne zu jammern oder zu meckern, kann ich Dich ja öfter mal mitnehmen. Du hast die Bewährungsprobe jedenfalls bestanden!"

Wenn ich mich nicht so behindert gefühlt hätte, wäre er wahrscheinlich Gefahr gelaufen, ins Badewasser gezogen und ertränkt zu werden. So blieb mir erst mal nichts anderes übrig, als meinen Ärger hinunterzuschlucken und mir mehrere Arten der Folter auszudenken, mit denen ich ihn malträtieren wollte, sobald ich meine Knochen wieder sortiert hatte.

Als ich jedoch dann später, angezogen von ganz herrlichen Gerüchen, ins Wohnzimmer gewackelt kam und meine Lieblingspizza und ein Glas Rotwein auf dem Tisch fand, war ich natürlich besänftigt und fand, dass ich mich eigentlich ganz gut gehalten hatte, auf der alten Lady, auf die ich mich noch so manches Mal quälte.

Ach, ich liebe meinen „Guzzi-Rocker"!