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Die „Langen Berge“ oder wie das Paradies entstand…

Nun,
besser kann man dieses Ministrassenparadies
am nördlichen Ende Oberfrankens und
eigentlich schon Thüringer Wald wirklich nicht beschreiben.
 


  Butterblumenpracht bei Öttingshausen

Nur einige wenige Quadratkilometer groß
verbirgt es doch eine Vielfalt
an kleinen und allerkleinsten Ortsverbindungsstraßen,
die ihresgleichen suchen.
Einen ganzen Tourentag kann man spielend hier verbringen und
ist fast immer in Sichtweite der Veste Coburg.
( Ja, richtig: Veste mit V )
Dieses Mahnmal des Herzogtum Coburg strahlt im Sonnenlicht
einfach uneinnehmbar vom Festungsberg auf die Residenzstadt herunter.
Hier am Marktplatz,
wo Prinz Albert von Coburg in voller Montur auf Ewig seinen Platz
eingenommen hat,
da gibt’s dann auch eine andere Art von besonderer Kultur:
Die original Coburger Rostbratwurst !
Eingeweihte werden nicht ins Herzogtum Coburg fahren,
ohne zur Begrüßung mindestens eine
dieser wohlschmeckenden Spezialität zu zelebrieren.


  Auf dem sonst einsamen Weg nach Rottenbach –  
  seltene Begegnung mit anderen Motorradfahrern

 

Wann immer man mit seinem Motorrad hier unterwegs ist,
sollte man sich die Zeit nehmen und
einen Bummel durch die Altstadt von Coburg machen.
Das Landestheater und Schloß Ehrenburg sind eben genauso sehenswert,
wie der Marktplatz mit Prinz und Bratwurst.
Auf diese Weise kulturell versorgt und
von Wurst gestärkt geht es dann wieder in Richtung
Lautertal in die Langen Berge.

Eine Erklärung für den Namen haben wir nicht gefunden.
Es ist anzunehmen,
daß einfach die Form dieser vielen kleinen Erhebungen,
welche sich gerade mal zwischen 462 Metern auf der Hildburghäuser Höhe
und ganzen 528 Metern am Buchberg, diesen Namen geschaffen haben.
Es ist eine schmale,
jedoch längliche Ausdehnung aneinandergereihter Hügelketten,
die in Summe eben dieses einmalige Kurvenparadies ergeben.
 

    Über den Kehren von Tremersdorf

Von Lautertal aus halten wir uns in Tremersdorf links in Richtung Mirsdorf.
Schon geht es in drei wunderschönen Kehren hinauf zum Sendemast,
der schon zu Zeiten der DDR dafür sorgte,
daß auch im damals getrennten Teil Deutschlands Westsender gesehen und
gehört werden konnten.
Nur wenige Meter weiter gibt es einen Abstecher zur Senningshöhe.
Nur zu Fuß erreichbar ist diese Hütte des DAV jedoch immer einen Ausflug wert.
Am Wochenende und an Feiertagen gibt es Kaffee und oft bäuerlichen Kuchen,
der sich einfach lohnt.
Doch nach zwei der vorgenannten Bratwürste ist uns nicht nach Kaffee und Kuchen
sondern nach Kurven ohne Ende.
Willy, der eigens aus dem Schwabenländle angereist ist,
um dieses kleine Land allerfeinster Strassen zu erfahren,
drängt dann auch schon wieder in die Sättel um möglichst viele Fachwerkdörfer,
Brunnen, Schlösser und die diese verbindenden Kurven unter die Räder zu nehmen.
 

  Spaßkurven in den Langen Bergen

Schon nach wenigen Kilometern,
die dank blühendem Raps schöner gar nicht sein können,
landen wir in Moggenbrunn.
Das Backhaus und der Brunnen davor sind ein Idyll und wohl Relikt
aus der Gründerzeit.
Verspielt und romantisch und praktisch ohne besondere Hinweise
versteckt sich daneben ein Wasserschloß,
welches ein wenig an die Epoche von Rapunzel erinnern mag.
 

  Fachwerkdorf nahe Meeder

Kurz darauf sind wir schon auf dem nächsten Teerband in Richtung Meeder.
Das ständige auf und ab auf sehr zügig zu fahrender Kurven
bringt uns in absolut angenehme Schwingungen.
Das könnte ewig so weiter gehen und
deshalb lassen wir Meeder einfach liegen,
fahren auf die Höhen in Richtung Oettingshausen nach Ahlstadt
um von da aus auf wirklich kaum autobreitem Asphaltweglein
nach Rottenbach hinunter zu eilen.
Hier gab es zu Zeiten des geteilten Deutschlands einen „Kleinen Grenzverkehr“.
Bundesbürger aus einem Nahbereich von 25 km vom Zaun
durften hier für einen Verwandschaftsbesuch in die DDR einreisen.
Die meisten Erinnerungen an diese schlimme Zeit sind mittlerweile
den Baumaßnahmen der neuen Autobahn A71 zum Opfer gefallen und
nur noch vereinzelt finden sich deshalb Abschnitte,
wo man noch deutlich erkennt,
wo eigentlich der Verlauf der Grenze zwischen Bayern und Thüringen ist.


  Von Neukirchen einen Abstecher nach Emstadt in Thüringen

Deshalb klinken wir uns auch kurz aus dem Umfeld der Langen Berge aus und
genehmigen uns einen wahrlich einmaligen Abstecher nach Görsdorf,
ins benachbarte Thüringen - in die ehemalige DDR.
Von Tremersdorf aus kommend brummen wir durch einen ganz engen Tunnel,
der in einer fast 90° Kurve endet.
Bitte Vorsicht, denn hier sieht man nicht, wenn ein PKW entgegenkommt.
Platz für ein Auto und ein Motorrad ist im Tunnel gleichzeitig nicht !
In Görsdorf selbst stehen noch rund 30 Meter der ehemaligen Mauer,
die der Absicherung gegen den Imperialismus diente.
Der Berliner Mauer sehr ähnlich,
mutet dieses Bauwerk dann schon fast lächerlich an, wenn man bedenkt,
daß der Ort Görsdorf nur einige wenige Handvoll Einwohner hat und
diese mit dieser Mauer an der Flucht in den Westen gehindert werden sollten.

Von Görsdorf cruisen wir durch dichten Wald zurück nach Bayern,
genauer nach Rottenbach um von da aus schon wieder die Grenze zu überqueren und
über Herbartswind, Harras und Veilsdorf direkt wieder in die Langen Berge einzutauchen.
Schneller fahren wäre hier einfach Verschwendung,
denn die Landschaft saugt das Auge förmlich fest.
Berauschend immer wieder die allerkleinsten Straßen –
begrenzt von leuchtenden Rapsfeldern und frischen, saftigen Wiesen.
Düfte einer ersten Maht zum Heu erfüllen die Nase und wenn es nicht so schön wäre,
einfach weiterzufahren, sicher hätten wir den ganzen Tag mit Pausen verbracht.

Aber wir wollen Motorrad fahren und
so kann die Natur in diesem Moment einfach riechen, wie sie will –
wir geben Gas und nehmen die Kurven bergauf
erneut in die Muschelkalk-Hochfläche der Langen Berge.


  Begrüßung am Wegesrand bei Fischbach

Alsbald gelangen wir nach Heldritt.
Hier, eigentlich schon wieder in einem Ortteil unseres Ausgangsortes Bad Rodach
begrüßt und der Ortseingang mit einem mittelalterlichen Rittergut,
welches seinen Charme der Vergangenheit bewahrt hat.
Auf der gegenüberliegenden Strassenseite findet sich das Schloß derer von Butler,
welches leider nicht öffentlich zugänglich ist.
Ein Traum darin der mit Blattgold und feinstem Stuck versehene Festsaal.
Bergab- und wieder -auf rollen wir weiter nach Hetschbach
um dann nochmals nach Veilsdorf zu fahren.
Diesmal jedoch fahren wir in diesem Ort gleich wieder links ab,
wo eine Mini-Mini-Straße durch Wald und Flur einige Kilometer lang
bis nach Eishausen führt.
Nur mit viel Mühe ist zu erkennen,
wohin dieses Sträßchen führen mag und manchmal hegen wir Verdacht,
wir hätten den richtigen Weg verfehlt.
Unser Ziel ist wenig weiter ein kleiner Ort direkt an der Grenze
von Bayern nach Thüringen.
Nun, irgendwie stößt man in dieser Region und somit auch am Höhenzug der Langen Berge
immer wieder auf Reste der ehemaligen Grenze zur DDR und
immer wieder kreuzen wir die Spuren der NVA (Nationale Volksarmee der DDR) und
deren Plattenwege.
Besonders interessant und spektakulär ist eben auch der Ort Massenhausen.
Über Jahrzehnte hinweg, also schon lange vor Teilung Deutschlands,
stand hier ein bedeutendes Gestüt mit einer berühmten Pferdezucht.
Das geschwungene Brandzeichen in Form eines „M“ ist vielen Älteren noch gut bekannt.
Dort also, am Rande von Massenhausen, wurde nur wenige Jahre vor Wiedervereinigung
der beiden Teile Deutschlands die Mauern des gesamten Anwesens gesprengt.
Ein guter Freund, der seinerzeit beim BGS Dienst tat,
hat die Sprengung und den damit verbundenen Niedergang
auch dieses geschichtsträchtigen Bauwerkes fotografiert.
Eine plausible Antwort,
warum so viele bedeutende Anwesen einfach weggerissen wurden,
konnte uns bis heute niemand geben.
Lediglich von Fluchtgefahr auf Grund sehr enger Nähe zur BRD
bleibt als fadenscheinige Ausrede im Raume stehen.
 

  Vielerorts gibt es Pferde in und um die Langen Berge

Viel Geschichte haben wir an diesem Tag gesehen und erfahren und Willy meint,
er müsse nun endlich die vielen Kurven etwas zügiger angehen.
So machen wir uns auf um den Rest des Tages im flotten Gang
durch die Langen Berge zu fahren.
Großteils richtig gut ausgebaute Straßen wechseln sich ab mit Wegen,
die schon längst eine Renovierung oder einen neuen Belag erhalten müßten.
Ein gutes Fahrwerk ist hier sicher kein Fehler,
denn auch wenn daß Gebiet sehr klein anmuten mag,
schnell stehen da 300 Kilometer auf der Uhr.
300 Kilometer durch und um die Langen Berge führen denn aber auch zur Erkenntnis,
daß es für diesen Tag reicht und es an der Zeit sei,
zurück zu fahren in die Alte Molkerei
um auf der Terrasse bei Nicole und Tobias eine Stärkung zu erhalten.

Willy meint später zwar,
die Langen Berge wären auch einen zweiten Tag wert –
für heute würde es jedoch reichen ! !


 
Fotos: Tom Kuhl
Text:   Karlo Kolumna