Der Besuch (bei) der alten Dame - 2000km durchs westliche Indien
 Du kannst sie nicht sehen, aber kilometerweit hörst Du sie schon kommen - ganz machismo. Sie rülpst, blubbert, schmatzt und röhrt - überhaupt nicht royal. Wenn die Kugeln der Royal Army so schnell gewesen wären wie sie, hätten die Briten nicht einen ihrer vielen Kriege gewonnen. Die Rede ist von einer britisch-indischen Institution: Der Royal Enfield Bullet 500 Machismo.
 Geboren auf der britischen Insel, fand sie nach dem zweiten Weltkrieg ihre Heimat in der ehemaligen Kolonie des British Empire. Die Engländer wollten umsteigen. Ihr Wunschfahrzeug hieß nicht mehr Norton, Matchless oder Royal Enfield, sondern Austin, Morris oder Ford. Es besaß jetzt vier statt zwei Räder und ein Dach über dem Kopf. Die neue, unabhängige Demokratie auf dem fernen Subkontinent dagegen brauchte Fahrzeuge. Da bot sich der Transfer nach Indien an. Und so überlebte die alte Dame die Zeiten des europäischen Motorradmarkensterbens und fand eine Nische in diesem Land voller Gegensätze. Was macht die Enfield so besonders? Sie ist anachronistisch. Bis vor einigen Jahren weigerte sie sich, die Bremse unter dem rechten und die Schaltung unter dem linken Fuß zu tragen, wie es schon seit Jahrzehnten weltweiter Standard ist. Und auch jetzt, nach dieser tiefgreifenden Operation an ihrem Getriebe, macht sie es ihrem Reiter nicht immer einfach. Ist jetzt der Leerlauf drin? Rastet der nächste Gang tatsächlich ein? Und mit 5 Gängen gibt es jetzt auch noch einen mehr, um sich zu verschalten.
Was hat sich in den Dekaden seit ihrer Ausbürgerung aus England noch geändert? Ein Elektrostarter hat sich in das Motorgehäuse geschlichen, sitzt jetzt versteckt vor dem Zylinder und arbeitet am liebsten erst dann, wenn der erfahrene Bullet-Fahrer den Motor zum ersten Kaltstart mit dem Kickstarter bewogen hat. Wer den Yamaha-Klassiker SR 500 kennt, weiß, wovon die Rede ist. Mit dem Deko-Hebel die Kompression überwinden, den richtigen Kolbenstand im Zylinder finden, kräftig kicken und aufpassen, dass sie nicht zurückschlägt! Das war aber noch nicht alles, was die Königliche über sich ergehen lassen musste. Eine Scheibenbremse im Vorderrad, die sogar so etwas ähnliches wie Verzögerung entwickelt, hat ebenfalls den Weg in die Serie gefunden. Das ist bei indischen Straßenzuständen allerdings nicht immer ein Vorteil, denn wenn sie blockiert, liegt die ganze Fuhre flach.
 Was ist geblieben? Die klassische englische Form, geschwungenes Blech, Chrom und Leder, kein neumodisches Plastik wie ihre japanischen Kusinen oder gar dieses hypermoderne Karbonkleid ihrer italienischen Geschlechtsgenossinnen. Schlicht und einfach good old british style und das steht der Lady auch ausgezeichnet. Da kann man über ein paar unanständige Laute des langhubigen Einzylinders beim Gaswegnehmen locker hinwegsehen.
Rasen ist eh' nicht ihr Ding. Sie mag es beschaulich, vielleicht mit 80 km/h. Mehr gleiten als schnell fahren. Dann tuckert der Motor sanft vor sich hin, geht auch gerne mal in den Drehzahlkeller um mit dem Sound eines alten Dieseltraktors wieder zu beschleunigen. Wer Vollgas abverlangt, wird mit Vibrationen nicht unter Rüttelplattenniveau bestraft - oder belohnt, je nachdem, wie man es betrachtet. Und rasen ist sowieso keine Option in Indien, ein Schnitt von 30 km/h ist schon gut, wenn man über Land fährt. Das haben wir im wahrsten Sinne des Wortes auf unserer 17tägigen Tour durch Rajasthan erfahren.
 Incredible !ndia - Mit diesem Slogan wirbt das indische Fremdenverkehrsamt in Deutschland. Und wir wollten wissen, wie unglaublich Indien ist. Was liegt da näher, als mit der Royal Enfield Bullet durchs Land zu reisen, sozusagen ganz nah am Volk? Das motorrad action team bietet geführte Touren in Verbindung mit ihrem Partner Classic Bike India an. Da der indische Straßenverkehr nicht den allerbesten Ruf genießt, entschlossen wir uns, lieber in einer Gruppe zu fahren, als auf eigene Faust. So fanden wir uns dann Anfang Februar 2011 für eine 17tägige Tour durch Rajasthan im Flieger nach Delhi wieder. Am Flughafen wurden wir herzlich von Tiziana, unserer holländischen Tourführerin und den anderen Gästen begrüßt. Unsere Truppe bestand aus 6 Mopped-Enthusiasten: Neben Tiz und uns beiden war noch Björn aus Freiberg in Sachsen sowie Ruth und Brent aus Brisbane in Australien mit von der Partie.

Auf dem Weg mit dem Bus von Delhi nach Mandava, dem Ausgangspunkt unserer Tour, bekamen wir einen Vorgeschmack auf das, was uns erwartete: Ein Straßenverkehr ohne erkennbare Regeln, in dem die Hupe das wichtigste Bauteil am Fahrzeug darstellt. Doch dazu später mehr. Ab Mandava starteten wir dann am nächsten Morgen auf eine erste Erkundungstour. Unsere Bullets bewiesen von Anfang an ihre Nehmerqualitäten. Niedrige Drehzahlen, Schlaglöcher, Buckelpisten - alles kein Problem. Und zum Mitschwimmen im Verkehr reichen die 24 PS allemal.
So ging es dann weiter im großen Bogen entgegen dem Uhrzeigersinn durch Rajasthan. Die Gegensätze hätten nicht größer sein können. Wir haben die Armut entlang der Straßen erlebt und den Luxus, in ehemaligen Maharadscha-Palästen zur übernachten. Vor Dreck starrende Straßen und Ortschaften standen im krassen Gegensatz zu den überaus gepflegt wirkenden Schulkindern in ihren Uniformen. Mit Plastikplanen errichtete Slums wechseln sich ab mit vornehmen Wohngegenden, die mit Stacheldraht und Videoüberwachung gesichert sind. Vor allem aber haben wir die unglaubliche Freundlichkeit der Menschen und ihre unbändige Neugier kennen gelernt. Und ihre Art, dem Leben anders zu begegnen als wir.
Was bleibt nun neben diesen Eindrücken haften? Vor allem der Straßenverkehr, der in Indien absolut eigenen Gesetzen folgt. Das Wichtigste ist hupen, hupen hupen. Denn nur wer hupt, wird akzeptiert, je intensiver, desto mehr. Klar gibt es Grenzen. Man sollte sich als Fußgänger, Rad- oder Motorradfahrer niemals, wirklich niemals mit den größeren Verkehrsteilnehmern anlegen. Das sind vor allem die Busse und LKWs. Vorfahrt hat der Stärkere, gebremst wird nur, wenn es nicht anders geht. Autobahnen sind für alle da, eine Vorschrift, welche Richtung zu nehmen ist, gibt es offensichtlich nicht. Da kommt einem der Handkarren auf der Überholspur entgegen und in den Innenstädten sind alle Spuren einer Straßenkreuzung zur Blockade in jeder Hinsicht freigegeben.
Und über allem schwebt die Kuh. Die heilige Kuh. Sie kennt keine Verkehrsregeln, muss sie auch nicht. Sie läuft, liegt und sch... dahin, wo sie möchte. Das ist so und das ist in Ordnung so. Indien tickt eben anders. Incredible !ndia! Ein Bericht von Birgit Klenke und Manfred Boertz Copyright © 2011
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