Über uns Team Kontakt AGBs Datenschutz Impressum  
Home > Reiselektüre > Italien > Norditalien  

Norditalien: Herbstpass(t) - Farbenfrohe Abschlußtour
Reisebericht von Sam Oht

Geplant war diese Tour schon im Mai – aber da konnten wir noch nicht ahnen, welch geniales Wetter uns erwarten würde.



Wie immer wollten wir das Jahr mit einer gemeinsamen Tour ausklingen lassen. Wie immer war es schwer, einen Treffpunkt zu finden, der für alle passt – schließlich wohnen wir sehr weit voneinander entfernt, wobei Heinz und Michi aus Köln und Warendorf den weitesten Abstand zu Dominik aus Wien haben ... Wie schon so oft, blieben uns die Dolomiten als bestmöglicher „Mittelpunkt“ übrig.



Ende Oktober ein sehr optimistischer Plan, wie wir dann erfuhren, aber durchaus machbar. Die wirklich grosse Überraschung kam dann bei meiner Abreise. Sonne und um 20° warm sowie ein Wetterbericht, der für die kommenden Tage nicht besser hätte sein können. Deshalb machte ich mich deshalb schon sehr früh auf den Weg um ein wenig Licht und Schatten auf Zelluloid, sorry auf meine SD-Karte, bannen zu können. Die Anfahrt wollte ich so schnell wie nur möglich hinter mich bringen und nahm deshalb die Autobahn Nürnberg, München und Brenner und war dann schon am frühen Nachmittag fast am nördlichen Ende des Gardasees.



Von da ab suchte ich allerdings kleine Strassen bis an mein Tagesziel, das Südende der Dolomiten, in der Nähe von Vicenza. Dort, genauer in Marostica angekommen, machte ich mich sofort auf die Suche nach einer Herberge für die Nacht. Hier ist mit gutem Gewissen das Hotel Mori in Marostica zu empfehlen, wo neben hervorragendem Essen und Wein auch ein sehr schönes Zimmer, zu allerdings nicht ganz kleinen Euros, zu bekommen ist.



Der nächste Morgen hielt absolut, was der Wetterbericht versprach und ich startete sehr früh in Richtung Bozen, wo ich mich am Abend mit Michael verabredet hatte. Über Thiene auf der gut ausgebauten, jedoch wunderschönen Hauptstrasse Richtung Rovereto musste ich oft aufpassen – zu leicht beginnt man bei diesem Licht und diesen Farben zu träumen. Bei Temperaturen zwischen 0° im Schatten und gut 15° in der Sonne erfordert auch die schönste Strasse und die reizvollste Landschaft ständige Konzetration.

    

Über Croce mit seinem wunderschönen, frei auf einer kleinen Anhöhe stehenden Kloster erfuhr ich den Passo Sommo um bald darauf am Lago di Caldonezzo auf nur noch 460 m über dem Meer in strahlender Sonne ein Mittagspäuschen zu halten. Schliesslich hatte ich genügend Zeit um in aller Ruhe und noch ganz alleine die Herbststimmung zu geniessen. Das Vieh der Bauern ist zum Teil schon seit einigen Wochen in den Ställen im Tal und so waren auch die kleinen Strässchen fast frei von deren altgräserner Hinterlassenschaften und recht gut zu befahren.



An sonnigen und damit griffigen Stellen versprachen meine Reifen den richtigen Gripp und so manche Schräglage führte mich am späten Nachmittag an mein Tagesziel – nicht jedoch ohne mich vorher in Bozen noch einmal anständig in einem megahässlichen Gewerbegebiet zu verfahren. Dort, in der Nähe von Bozen wollte ich eine Bleibe für die Nacht finden. Sicher war mir klar, dass schon viele Hotels zu, andere mit Törgelen-Touristen überfüllt sein würden, doch es wurde dann wirklich spannend und schon düster, bevor ich schliesslich ein geöffnetes und bezahlbares Hotel oben am Kamm, in Völs am Schlern, fand.



Schon völlig dunkel war es, als Michael endlich von der Autobahnausfahrt Bozen Nord bei mir anrief. Nach über 900 km hatte er die weiteste Anreise von uns und so machte ich mich auf den Weg, ihm entgegenzufahren um ihm die mittlerweile nachtschwarze Kurvenstrasse hinauf nach Völs am Schlern zu zeigen. Nach einer heissen Dusche und einem dann doch eher als „touristisch“ zu bezeichnenden Abendessen fanden wir uns gegen 21.00 Uhr am beschaulichen Kirchplatz von Völs wieder. Im Freien. Man beachte, es war mittlerweile Donnerstag, der 27. Oktober und wir befanden uns auf einer Höhe von fast 900 m über dem Meeresspiegel. Im Freien also gab es das Begrüßungsbier und Michael schien arg erleichtert, dass er gesund und halbwegs munter angekommen war. Immerhin war er über 12 Stunden auf dem Motorrad und nur Tankpausen unterbrachen seinen Ritt. Es ist sicher nicht verwunderlich, dass wir recht bald auf unsere Zimmer gingen... ..und kaum zu glauben, am Freitag Morgen mit strahlendem Sonnenschein in sagenhaftem Licht erwachten.

    

Ein stärkendes Morgenmahl mit einigen kräftigen Tassen Kaffees sorgte für klaren Durchblick und schon kurz nach 8.00 Uhr sassen wir auf unseren Motorrädern in Richtung Karerpass.



Unser Ziel, Lienz in Österreich, wo wir uns mit Dominik aus Wien treffen wollten, lag nur rund 200 km nordöstlich und wir planten ausgiebige Manöver um keinesfalls zu früh dort anzukommen. Allerdings verging uns die morgendliche Freude, als wir von Völs ins Tal zurück Richtung Bozen fuhren. Dort unten lagen die Temperaturen gerade mal bei -3° oder darunter. Kombiniert mit einem Fluß- oder Bachlauf am Wegesrand hieß das stellenweise Eiseskälte und Spiegelglätte. Das bekam ich bald zu spüren, als ohne Vorwarnung mein schwerer Reisedampfer auf gerader Strecke plötzlich quer zur Strasse stand. Es muss wohl einfach mein Schutzengel gewesen sein, der einen Sturz oder Schlimmeres verhinderte.

    

Michael, der hinter mir fuhr, meinte anschliessend blos, er dachte ich hätte irgendwelche verrückten Stunteinlagen geübt. Na ja, gleichwohl fuhren wir fortan ein ganzes Stückchen behutsamer und wurden bald oben am Nigerpass durch wieder freundlichst lachende Sonne entlohnt. Über Mizan bei 3° und viele kleine Strassen ging es dann wieder hinauf zum Passo Pordoi um bei einem Espresso der Wirtin zuzuschauen, wie sie mit Säcken von altem Weißbrot ganze Heerscharen von Vögeln verpflegte.



Just zu einer Zeit wo europäische Radiosender ganztägig und ununterbrochen vor der immer weiter um sich greifenden Vogelgrippe warnten. Ein wahrlich skurriles Bild, die Dame umringt von Unmengen schwarzem und flatterndem Gefieder.



Sicherlich mit ein Grund, warum wir das sonnige Plätzchen am Pordoi schnell wieder verliessen und uns auf dem Weg zum Passo Falzarego zu machen. Zwar nur 1217 m hoch macht die Strasse hinauf dennoch enorm viel Spass und das Spiel von gleißendem Licht und dunklen Schatten bei frühlingshaften 15° verführte uns zu reichlich zügiger Gangart. Am frühen Nachmittag überquerten wir die ziemlich vergammelte Grenzanlage nach Österreich in Richtung Sexten, nicht ohne auf der italienischen Seite nochmals einen Capuccino zu trinken.



Auf österreichischer Seite machten wir dann noch einen kleine Runde über den Kreuzbergpass. Dieser Pass ist nicht besonders hoch und deshalb wohl auch weniger bekannt – ist es aber dennoch absolut wert, gesehen und gefahren zu werden. Gerade in den leuchtenden Herbstfarben ist es eine Wonne, diese kleinen Strässchen unter die Räder zu nehmen. Das Gleiche gilt für den nahegelegenen Antoniapass, wo bald darauf Michael mit einer entlaufenen Kuh posierte.

Nochmals in Richtung Sexten rollend machten wir uns dann auf den Weg nach Lienz. Diese malerische Stadt begrüsste uns noch am späten Nachmittag mit Sonnenschein, weshalb wir noch nicht in unsere vorbestellten Zimmer im Altstadthotel Eck gingen, sondern wie sollte es anders sein, auf der Terrasse einen „Kleinen Braunen“ zu uns nahmen.



Es blieb uns jedoch noch viel Zeit, bevor erst gegen 19.00 Uhr Dominik auf seiner R 100 GS aus Wien zu uns stieß. Mittlerweile zu Dritt machten wir uns am Samstag auf den Weg durch das Defereggental zurück nach Italien um uns Mittags am Penser Joch mit Heinz zu treffen, der am Vortag nach der Arbeit von Köln aus bis an den Fernpass gehetzt war, um jetzt auf über 2200 Metern Höhe auf uns zu warten.



Daß wir dann gerade am Stallersattel ankamen, nachdem der Turnus für die Weiterfahrt in unserer Richtung für über 30 Minuten gesperrt war, stimmte uns nicht wirklich traurig. Wir drehten um, fuhren das kleine Stück zurück zum Bergsee und liessen uns dort auf einer Holzbank die Sonne ins Gesicht scheinen. Warum wohl der Spruch „Senioren Rast´l“ in die Lehne der Bank geschnitz war, kann ich bis heute nicht verstehen... Trotz der Wartezeit am Stallersattel kamen wir pünktlich am Penser Joch an. Wie immer, wenn man sich nur zwei bis drei Mal im Jahr sieht, dauerte es eine geraume Weile bevor wir nun zu viert vereint in eine Richtung fuhren um den Rest des Tages damit zu verbringen, festzustellen, dass Großglockner und Timmelsjoch gesperrt sind.



Wir begnügten uns auch so mit Furkenpass und Wurzjoch, denn bei noch immer strahlendem Himmel sind fast alle Strassen lohnenswert und so ärgerten wir uns über die wenigen geschlossenen Pässe nicht wirklich sehr. Die Nacht verbrachten wir in Brixen. Hier ist das Hotel Grüner Baum keine schlechte Adresse. Sehr groß und auch nicht wirklich preiswert steht aber ein Schwimmbad und eine Sauna zur Verfügung, was bei Nachttemperaturen um –5° ein entscheidendes Argument sein kann. Sonntag ist Sonnentag – und schon wieder bewahrheitete sich der Wetterbericht. Eine bitterkalte Nacht wandelte sich schon früh morgens in einen wiederum sonnendurchfluteten Herbsttag



Trotz einer kleinen Wiedersehensfeier am vorhergehenden Abend erschienen alle pünktlich beim Frühstück und schon kurz vor 9.00 fuhren vier Motorräder aus der Tiefgarage des Hotels. Da sich an Heinz´ens neuer GS dieVerschraubung der Kofferhalter lösten, begaben sich er und Dominik auf die Suche nach einer Tankstelle, die auch am Sonntag ein bischen Werkzeug zur Verfügung hätte. Wahrlich keine Ehre, was BMW neuerdings serienmässig seinen Motorrädern unter die Sitzbank packt. Dominik, gesegnet mit reichlich gutem Bordwerkzeug aus Tagen alter 2-Ventil GS, kann beim Anblick des heutigen Bordwerkzeuges ein Grinsen und einige nicht wiederholenswerte Sprüche nicht zurückhalten.



Leider verfahren wir, Michael und ich, uns nach dem Tanken auf der Suche nach Heinz und Dominik, die eben ihre Suche auf weitere Tankstellen ausgedehnt hatten. So wurde es später Vormittag bis wir Brixen hinter uns hatten und in die andere Richtung über den Passo Valparolo (Falzarego) die Rast auf der Sonnenterrasse des Passo Giau erreichten. Hier oben auf 2236 m schien sich an diesem Sonntag die vereinigte Zunft italienischer Motorradfahrer zu treffen um sich mit zahllosen Wanderern zu vereinen.



Grund genug für uns nach einer Brotzeit diesen volksfestartigen Platz schnell wieder zu verlassen und ruhigere Strassen zu suchen. Voller Freude blieb uns ein wahrlich motorrad- und autofreier Spurt auf das Grödner Joch und anschliessend eine ganze Reihe kleiner uns kleinster Nebenstrassen um bei Sonnenuntergang wieder in Brixen zu landen, wo wir diese Jahresabschlusstour gebührend ausklingen ließen.

Sam Oht im Oktober 2005 D – 56348 Dahlheim