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Andalusien - Traumtour mit Suchtfaktor
Eine Reisereportage von Angelika und Michael Engelke

Leise und gleichmäßig plätschern die Wellen gegen den Strand. Möwen steigen im angenehm kühlenden Wind auf, lassen sich wieder fallen, drehen schreiend wilde Pirouetten. Vom tiefblauen Himmel strahlt die Sonne, leuchtet uns ins Gesicht. Kiki, die beste Sozia der Welt, und ich sitzen am Strand der Costa de Almería und genießen die herrliche salzige Seeluft. Unsere Rückenlehne ist das Castillo Chateau de Macenas.



Eine gute halbe Stunde ist es her, dass wir, aus Murcia kommend, die Grenze der südlichsten Autonomen Region Spaniens überquert haben. Und Andalusien empfängt uns gleich so, wie wir es uns erhofften. Die sonnige, wild zerklüftete Küste südlich von Mojacar ist ein Traum für Zweiradfahrer. Die Küstenstraße führt in wildem Geschlängel bergauf, dann geht es wieder hinab, fast bis ans Wasser. Oben auf den Kuppen ist der Ausblick fantastisch. Weit draußen dümpeln die Fischerboote. Verfolgt von dichten Schwärmen gieriger Möwen ziehen sie schnurgerade weiße Striche durch das dunkelblaue Mittelmeer.


Unten am Wasser trennen uns nur ein paar dicke Felsen oder ein einsamer Sandstrand vom kühlen Nass. Wir haben erst mal genug Sonne getankt, schwingen uns wieder auf die GS und düsen weiter Richtung Süden. Kurz vor Agua Amarga fällt unser Blick auf eine ganze Reihe alter Ruinen. Runde, marode Kuppeln, eingefallene Gebäude und bröckelige Mauerreste machen uns neugierig.

Ich biege auf den holprigen Feldweg ab, kurve um ein paar dicke Steinbrocken herum. Dann stehen wir mitten zwischen den Gemäuern. Eine große Tafel klärt uns darüber auf, das hier früher Eisenerz auf Schiffe verladen wurde. Die mächtigen Rampen, die die steile Küste hinunter führen, sind noch gut zu erkennen. Kiki und ich klettern zwischen den alten Mauern herum, erschrecken eine ganze Armada von Eidechsen und genießen die tolle Aussicht auf das Meer, die Küste und die weiter südlich liegenden Küstendörfer.

Eines dieser Dörfer, Agua Amarga, ist unser nächstes Ziel. Langsam rollen wir durch die engen Gassen des kleinen Nests. Jetzt, um die Mittagszeit, ist kaum jemand unterwegs. Mittagszeit bedeutet Siesta und die ist den Spaniern heilig. Für zwei, drei Stunden werden die Läden dichtgemacht. Ein kurzes Mittagsschläfchen, ein kleines Essen oder einfach eine erholsame Pause im Schatten der dichten Bäume stehen dann auf dem Programm. Eine Tradition, die uns sehr sympathisch erscheint.

 
  

Wir fahren noch ein kurzes Stück weiter, kurven auf griffigem Asphalt zwischen Kakteen und Agaven hindurch bis Las Negras. Auf dem direkt beim breiten Sandstrand gelegenen Campingplatz bauen wir unser Zelt auf und gönnen uns anschließend unsere eigene Siesta. Wir liegen im Schatten eines dicken Felsens und schauen mit schläfrigen Augen aufs Meer hinaus. "So müsste man seine Mittagspausen immer verbringen können." meint Kiki. Wie recht sie hat. Am Nachmittag brechen wir noch mal auf. Über die gut ausgebauten Landstraßen fliegen wir durch den Parque Natural de Cabo de Gata-Níjar. Über 30.000 Hektar ist er groß und er ist der einzige Naturpark in Andalusien, der sowohl Küsten-, als auch Landgebiete umfasst. Unberührte Buchten mit romantischen Sandstränden, wilde Klippen, Feucht- und Sumpfgebiete finden sich in dem riesigen Areal. Wir rauschen an alten zerfallenen Windmühlen und kleinen Höfen und Weilern vorbei, an denen der Zahn der Zeit schon lange kräftig nagt.

In San José gönnen wir uns in einem Café direkt am Sandstrand einen kräftigen spanischen Espresso, in dem jeder Löffel stehen bleibt. Während wir uns die Sonne ins Gesicht scheinen lasse, schaue ich ab und an über den Rand der Sonnenbrille auf die Dünen, den Sand und die schneeweißen Holzboote, die sich am Strand verteilen. Ich habe gerade noch Zeit, mich über die Schräglage meiner BMW zu wundern, als sie sich, den Gesetzen der Schwerkraft beugend, betont langsam auf die Seite legt. Auch eine Art von Siesta. Aber es wird wohl weniger an Hitze und Müdigkeit, sondern viel mehr an der fehlenden Tragfähigkeit des Sandes gelegen haben, in dem der Seitenständer gerade versunken ist. Bemerkenswert ist auch das Gesicht des Barbesitzers, der zwar nicht das Motorrad sehen konnte, aber zwei Gäste, die plötzlich vom Tisch aufspringen und von dannen rennen. So schnell hat er wahrscheinlich noch nie seine Terrasse aufgesucht.

 

 
  



Wir verlassen San José in Richtung Süden. Gleich hinter dem Ortsausgang endet der Asphalt. Die letzten zehn Kilometer bis zum Cabo de Gata sind spannende Schotterpiste. Weit und breit kommt uns hier niemand entgegen. Ich drehe richtig am Gasgriff, mit einer riesigen Staubwolke hinter uns fliegen wir förmlich über die Piste. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie stabil die schwere Fuhre auch auf diesem losen Untergrund bleibt. Das dicke Schiff schwankt, rollt und giert wie ein Ozeandampfer, aber ich habe ein sicheres Gefühl dabei und das Ganze macht mächtig Spaß.

Kaum zu überblickende Kakteenfelder rauschen rechts und links an uns vorbei. Ein schmaler Dünengürtel, ein paar Felsen, dahinter das Meer, die Costa de Almería.

Rechts von uns steigen die Hügel der Sierra del Cabo auf. Graues und rotes Gestein, dazwischen blühende, würzig riechende Macchia, welch eine Strecke. Am Cabo de Gata gönnen wir unseren Motorradfahrerbeinen noch einen erholsamen Strandspaziergang. Aber erst nachdem wir ein großes Stück Schwemmholz gesucht und unter den Seitenständer geklemmt haben.

 
 

Auf der gleichen Strecke kehren wir später wieder nach Las Negras zurück, holen uns in Los Escullos noch eine leckere Flasche Wein. Die nehmen wir abends am Campingplatz mit in die Felsen am Strand. Dazu spanisches Baguette, einen der schmackhaften andalusischen Käse, die aus den Bergen von Almería oder Ronda stammen, das Ganze garniert mit Oliven und einem fantastischen Sonnenuntergang. Das perfekte Abendmahl.

  

Früh am nächsten Morgen sind wir schon wieder auf den Beinen. Der Benzinkocher sorgt fauchend für heißen Kaffee, ruckzuck ist das Zelt verstaut. Wir verlassen den Naturpark Cabo de Gata, halten uns Richtung Almería. Entlang der Küstenstraße fahren wir direkt an Almerías Flughafen entlang und tauchen ein in die quirlige Stadt mit ihren rund 170.000 Einwohnern. Es scheint, als wären die auch alle auf den Beinen. Es ist ganz schön was los in der Provinzhauptstadt.

 

Wir fahren hoch zur Alcazaba, der maurischen Festungsanlage und genießen von dort den Blick über die Stadt und den Golfo de Almería. Vorbei an der wehrhaften Kathedrale, der einzigen als Wehrkirche gebauten Kathedrale Andalusiens, lenke ich später in Richtung Westen. Die wenigen Kilometer zwischen Almería und Adra legen wir auf der Schnellstraße zügig hinter uns. Dann geht die bis dahin mehrspurig ausgebaute Küstenstraße wieder in eine echte Panoramastraße über.

Die N340 begeistert immer wieder mit neuen und überraschenden Aussichtspunkten, kleinen und größeren abwechslungsreichen Orten. Die Streckenführung erinnert an eine Achterbahn. Die wenigen Autos, die hier unterwegs sind, sind schnell überholt. Kurz vor Málaga biegen wir in die Berge ab. Entlang des kleinen Parque Natural Montes de Málaga zirkeln wir auf der abenteuerlich geführten A6103 über Serpentinen und durch Tunnel auf über 1000 Meter Höhe. Über kleine Nebenstrecken gelangen wir nach Antequera. Die lebendige Stadt mit ihren gut 40.000 Einwohnern ist uns auf Anhieb sympathisch.

 

  

Am gewaltigen Stadttor, dem Puerta del Arco de los Gigantes, stellen wir unsere BMW ab. Zu Fuß laufen wir durch die Straßen der Stadt, werfen einen Blick in die interessanten Schaufenster, setzen uns auf eine Bank in die Sonne und kühlen uns mit einem leckeres Eis. Am Abend genießen wir in einer der zahlreichen Bars köstlichen gegrillten Fisch. Mehr als ein Glas Wein ist dabei leider nicht drin, wollen wir doch noch wenige Kilometer weiter zum nördlich der Stadt gelegenen Campingplatz in Mollina.

In Antequera lässt es sich auch gut frühstücken. Am Morgen finden wir schnell eine gemütliche Bar, wo es heißen Kaffee und süße Churros gibt. Churros sind eine Art Spritzgebäck mit viel Zimt. Sie werden mit Puder- und Vanillezucker bestäubt, für richtige Genießer gibt es sie auch mit heißer Schokolade, in die sie getunkt werden. Solchermaßen gestärkt verlassen wir Antequera gen Süden. Unser Ziel ist der Naturpark El Torcal.

In großem Bogen fahren wir auf der A6311 um das Bergmassiv herum. Bald fällt uns die Abzweigung mit der rotweißen Schranke auf. Die ist im Winter schon mal geschlossen. Jetzt steht dem Abbiegen nichts entgegen. Wir schwenken nach rechts, geben bergauf Gas und finden uns auf einer der schönsten Strecken wieder, die wir auf der iberischen Halbinsel bisher unter den Rädern hatten. Genial, immer höher geht es hinauf. Bald sind wir über den Wolken, die wie dichte weiße Watte links unter uns an den Berghängen kleben. Rechts von uns ragen mächtige graue Felsen in den Himmel. Wir können uns kaum satt sehen an den tollen Panoramen. Mehr als einmal bleiben wir am Straßenrand stehen und staunen über den Blick in die Tiefe und auf die Wolken. Kurz vor dem höchsten Punkt des Naturparks nehme ich eine Bewegung in den Felsen wahr. Nur wenige Meter neben uns klettert eine Gemse in dem Gestein herum. Selbst als wir stehen bleiben, lässt sich das Tier nicht stören. Einige Meter weiter, am Ende der Straße, halten wir auf einem Parkplatz, an dem schon zwei, drei Autos stehen. Von hier starten verschiedene gut gekennzeichnete Wanderwege durch den Naturpark. Wir verzichten für heute auf soviel Bewegung, machen wieder kehrt und rollen zurück durch die skurrilen Fels- und Gesteinsformationen.

  

Die weißen Wolkenfelder lösen sich langsam in der Morgensonne auf und geben den Blick frei auf die Sierra de Chimenea. Wir genießen jeden Meter Strecke, halten uns südlich und gelangen bald nach Alora. Von dort begleiten wir den Rio Guadalhorce, der den riesigen Stausee Embalse del Guadalteba entwässert. Die kurvenreiche, spannende Strecke bietet tolle Ausblicke in die Schlucht, durch die auch die Eisenbahn kurvt. Wer Ruhe und Einsamkeit sucht, ist hier genau richtig. Kein Mensch begegnet uns entlang des Flusses. Erst bei Ardales tauchen wir wieder in die Zivilisation ein. Unterhalb der zerfallenen Ruine des Castillo ducken sich die strahlend weißen Häuser am Bergrücken.

 

Alte Mütterchen schlurfen durch die Gassen, kaufen in der Panaderia ihr Brot, während ihre Männer im Schatten ein Schwätzchen halten. Kinder toben lärmend zwischen den Hauswänden hindurch. Eine echte Idylle. Über den Pass Puerto de las Abejas folgen wir den Schildern nach Ronda. Die Strecke ist wie für kurvensüchtige Motorradfahrer geschaffen. Sie windet sich wie eine Schlange entlang des Berges. Ein dickes Kompliment an die Straßenbauer. Sie wussten, was Zweiradfahrer lieben.


 
 

Der Aussichtspunkt Mirador del Guarda Forestal, den wir oberhalb des Parque Natural de la Sierra de las Nieves passieren, begeistert uns mit einer genialen Aussicht auf den knapp 2000 Meter hohen Torrecilla. Nicht weniger beeindruckt sind wir von Ronda. Rund 35.000 Einwohner zählt die Stadt in der Serranía de Ronda. Die große Mehrheit davon lebt im neuen Stadtteil "El Mercadillo", der durch eine imposante Brücke vom alten Stadtkern "La Ciudad" getrennt ist. Der Blick von der Brücke, der "Puente Nuevo", die aus dem 18. Jahrhundert stammt, ist nur etwas für Schwindelfreie. Ziemlich genau 100 Meter unter ihr rauscht der Rio Guadalevín zwischen den mächtigen Pfeilern hindurch. Auch ein weiteres fantastisches Bauwerk in Ronda stammt wie die Brücke vom Architekten Martin de Aldehuela. Die älteste Stierkampfarena Spaniens, Plaza de Toros. Im neoklassizistischen Stil erbaut, bietet die Arena zwischen 136 toskanischen Säulen überdachte Sitzplätze für alle Zuschauer auf zwei Etagen. Für den interessierten Besucher, der mehr über Stierkampf wissen will, beherbergt die Anlage auch ein Stierkampfmuseum, das Museo Taurino. Drei Tage bleiben wir noch in Ronda, bummeln mehr als einmal durch die sehenswerte Altstadt, genießen den Flair der alten Mauern und Gemäuer, lassen in den Cafés die Seele baumeln.

  

Die letzte Etappe unserer Andalusientour führt uns an den südlichsten Zipfel des europäischen Festlandes. Quer durch die bergige Landschaft des südlichen Andalusien, über wild gewundene Bergstraßen, vorbei an den "Weißen Dörfern", gelangen wir an die Straße von Gibraltar. In Sichtweite der marokkanischen Berge rollen wir in den Hafen von Tarifa. Blaue Fischerboote liegen vertäut am Kai, wiegen sich sanft in den wenigen Wellen.

 

Der fast immer wehende, angenehm kühlende Wind lässt das Klima selbst hier im tiefsten Süden angenehm erscheinen. "Eigentlich wollten wir doch schon immer mal rüber nach Afrika." meint Kiki beim Blick auf die FähreDer fast immer wehende, angenehm kühlende Wind lässt das Klima selbst hier im tiefsten Süden angenehm erscheinen.  "Da fehlen uns gerade noch 14 Kilometer." Ich komme ins Grübeln, eigentlich keine schlechte Idee. Aber das wäre dann wieder eine ganz neue Reisegeschichte.



Allgemeines:
Andalusien ist die südlichste der 17 Autonomen Regionen des spanischen Festlandes. Mit 7,5 Millionen Einwohnern ist Andalusien die bevölkerungsreichste Region Spaniens. Meist wird Andalusisch, ein spanischer Dialekt, gesprochen. Von allen spanischen Regionen stand Andalusien am längsten unter arabischem Einfluss, was sich fast überall in der Architektur zeigt.

Klima/Reisezeit:
Im Süden Andalusiens, an der Küste, überwiegt mediterranes Klima mit heißen Sommern und kurzen Wintern. Der fast immer wehende Wind an der Südspitze der iberischen Halbinsel macht den Sommer aber erträglich. Im andalusischen Flachland ist das ganze Jahr über Motorradsaison. Während der Wintermonate sollten aber immer ein paar warme Sachen dabei sein, besonders für Touren oberhalb tausend Höhenmetern.

Motorradfahren:
Andalusien ist für Motorradfahrer das Paradies par excellence. Die aussichtsreichen Küstenstraßen entlang der Atlantikküste, der griffige Asphalt der Strecken im Hinterland und die Schotterpisten zwischen den Stauseen Embalse de Guadalcacín und Embalse de Barbate bieten jede Menge Fahrspaß für alle motorisierten Zweiradfahrer.

Essen & Trinken:
Eine andalusische Spezialität, die man unbedingt probieren sollte, sind die kalten Suppen mit Tomaten, Paprika, Gurken, Brot und viel Knoblauch, die Gazpachos. An der Küste locken frische Fischgerichte und Schalentiere. Gegrillte Sardellen gibt's fast überall frisch und sie schmecken köstlich. Mit dem guten andalusischen Wein wird nicht nur die Gazpacho abgelöscht. Aus der Region rund um Jerez de la Frontera stammt der weltbekannte Sherry.

Übernachten:
An der andalusischen Küste hat eine große Zahl guter Campingplätze das ganze Jahr über geöffnet. In jedem größeren Ort gibt es ein regionales Tourismusbüro, das bei der Vermittlung von Unterkünften gerne weiterhilft. Die Auswahl an Hotels und Hostals in verschiedenen Preiskategorien ist breit gefächert.

Karten/Literatur:
Für die Übersicht: Spanien, Portugal im Maßstab 1:1000 000, Michelin, 7,50 Euro, ISBN 2-06-710472-1.

Für die Tour:
Andalusien, 1:400 000, Michelin, mit touristischen Hinweisen und Stadtplänen von Sevilla, Malaga und Granada, ISBN 2-06-100914-X, 7,50 Euro. Adressen / Internet: Sehr informativ ist die Seite www.andalusien-web.com und die offizielle Seite der Turismo Andaluz www.andalucia.org. Das spanische Tourismusinstitut informiert unter www.spain.info. Wer dort noch nicht fündig geworden ist, wendet sich an das Spanische Fremdenverkehrsamt, Kurfürstendamm 63, 10707 Berlin, Tel. 030/882 65 43.
"Da fehlen uns gerade noch 14 Kilometer." Ich komme ins Grübeln, eigentlich keine schlechte Idee. Aber das wäre dann wieder eine ganz neue Reisegeschichte.