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Kastilien - Auf den Spuren Don Quijote´s   
Eine Reisereportage von Angelika und Michael Engelke
 
Es könnte glatt eine Szene aus "Easy Rider" sein. Wie Peter Fonda und Dennis Hopper vor 35 Jahren düsen Kiki und ich auf unserem Motorrad den endlosen, schnurgeraden Highway entlang. Die weißen Striche der Fahrbahn fliegen unter dem schwarzen Gummi der Reifen hindurch.
 
Es könnte glatt eine Szene aus "Easy Rider" sein. Wie Peter Fonda und Dennis Hopper vor 35 Jahren düsen Kiki und ich auf unserem Motorrad den endlosen, schnurgeraden Highway entlang. Die weißen Striche der Fahrbahn fliegen unter dem schwarzen Gummi der Reifen hindurch.


 

Braunes Buschwerk huscht rechts und links an uns vorbei. Rote Tafelberge und unendlich scheinende Felder und Weiden wechseln sich bis zum Horizont ab. Ab und an überholen wir grüßend einen Truck, dessen Fahrer mit seiner kräftigen Fanfare antwortet. Über der ganzen Szene wölbt sich ein strahlend blauer Himmel, gespickt mit kleinen weißen Wölkchen, dazwischen brennt die Sonne. Wyatt und Billy waren damals im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf dem Weg von Los Angeles nach New Orleans. 

 

 
Die beste Sozia der Welt und ich starteten in La Carolina, gleich an der andalusischen Grenze. Unser Ziel ist Valdepeñas und es sind nicht die Vereinigten Staaten, die unsere Tour so faszinierend machen, sondern die iberische Halbinsel. Im Hochland Kastiliens sind wir mit unserer BMW unterwegs und doch optimistisch, nicht auf so tragische Weise zu enden, wie einst die beiden langhaarigen Hippies auf ihren Choppern. Vieles hier in der Landschaft der autonomen Region Castilla La Mancha erinnert uns an den Südwesten der USA. 
 Das ändert sich jedoch schnell, als wir in das lebhafte Valdepeñas hineinrollen. Gleich am Ortseingang begrüßt uns eine Windmühle, davor hohe Stapel mit Weinfässern. Kein Wunder, Valdepeñas bedeutet "Tal der Felsen", und auf dem steinigen Boden der Region reifen seit über 400 Jahren unvergleichliche, aromatische und frische Rot- und Weißweine.
Eine Bodega neben der anderen reiht sich entlang der quirligen Hauptstraße. Wir stellen unsere BMW auf einem breiten Bürgersteig ab und lassen uns durch den Trubel treiben, schauen neugierig in die Schaufenster und in die urigen kleinen Läden. Für den Abend nehmen wir uns einen vollmundigen Crianza mit. Beim Probieren müssen wir leider bald abwinken, schließlich wollen wir noch ein paar Kilometer fahren.
Es geht weiter in Richtung Norden. Vorbei an schwer schuftenden, wettergegerbten Männern, die mit Hacken auf die trockenen Felder eindreschen und nicht minder alten, schwarz gekleideten Frauen, die mit Stöcken die Oliven von den Bäumen klopfen, erreichen wir am Abend Campo de Criptana. Ein Ort mit Geschichte. Hier ließ Miguel de Cervantes 1605 seinen edlen, aber geistig ziemlich umnachteten Helden Don Quijote de la Mancha gegen geflügelte Riesen kämpfen.
Als Kiki und ich, das rote Licht der untergehenden Sonne im Rücken, den ersten Blick auf die Riesen werfen, sind auch wir schwer beeindruckt. Auf einer Anhöhe hinter dem 14000-Einwohner-Städtchen stehen sie, scheinen auf ebenbürtige Gegner zu warten. "Welche Riesen?" entgegnete Sancho Panza "Diese Erscheinungen sind keine Riesen, sondern Windmühlen!" Recht hatte er, Don Quichottes Knappe 


Was den wirren Ritter aber bekanntlich nicht davon abhielt, den Kampf aufzunehmen. Auch wir düsen schnell den steilen, staubigen Weg hinauf, stellen unsere GS mitten zwischen die zehn Windmühlen, lassen uns in ihrem Schatten nieder und genießen den malerischen Sonnenuntergang. Ein Schäfer treibt noch schnell ein paar blökende Schafe an uns vorbei nach Hause, dann wird es langsam dunkel. Wir rollen ein paar Meter ins Dorf hinunter und finden am zentralen Plaza Mayor noch ein einfaches, aber gemütliches Zimmer im Hostal Sancho.
In einem der kleinen Restaurants im Ort bekommen wir noch etwas zu essen, bevor wir später im Hostal dem roten Crianza den Garaus machen. Schon früh am Morgen sind wir nach dem stärkenden Frühstück wieder unterwegs. Über kleine, namenlose Nebenstrecken, durch die menschenleere Mancha, nehmen wir Kurs auf die Hauptstadt der Region, nach Toledo. In einer Schleife des Rio Tajo sehen wir sie dann liegen, die "Stadt der drei Kulturen". Über Jahrhunderte hinweg lebten hier Christen, Muslime und Juden friedlich zusammen.
Wir sind beeindruckt, rollen langsam auf der Panoramastraße um die Altstadt herum, die mit ihrer Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert, den zahlreichen Kirchen und Museen, dem Alcazár und dem Kloster schon vor knapp 30 Jahren in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Der Blick auf die Stadt ist einfach grandios. Mehr als einmal halten wir an, klettern von der BMW und staunen.
Die engen Gassen, die zinnenbewehrten Mauern, dutzende kleiner Türmchen und Kuppeln, das alles eingeschlossen vom rauschenden Rio Tajo - welch ein Anblick. Es wäre für uns nicht wirklich überraschend, wenn plötzlich Reiterhorden durch die mittelalterlichen Stadttore sprengen würden. Mit der BMW arbeiten wir uns durch Toledos schmale Straßen, machen Rast an einem Straßencafé, fahren zum Gänse füttern an den Fluss hinunter. Den ganzen Tag bleiben wir hier, laufen zu Fuß durch die Altstadt und sehen noch längst nicht alles, was diese großartige Stadt mit ihren rund 75000 Einwohnern zu bieten hat.
Am nächsten Tag geht es erst mal in Richtung Westen. Don Quichotes Abenteuer lassen uns noch keine Ruhe. Bald erreichen wir El Toboso, Heimatort der von Don Quichote verehrten "Herrin seines Herzens" Dulcinea del Toboso. Im Cervantes-Museum des Ortes sind eine Vielzahl von Quijote-Ausgaben in verschiedenen Sprachen ausgestellt, alle signiert von berühmten Persönlichkeiten aus aller Welt. Vorbei an der mächtigen Burg von Belmonte, die übrigens auch zubesichtigen ist, halten wir auf Cuenca zu.


Langsam verändert sich die Landschaft. Nicht mehr das flache Hochland herrscht vor. Es wird immer kurviger, die Straße führt bergauf, bergab. Auf den letzten Kilometern vor der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz nutze ich kaum noch die letzten zwei Gänge. In Kastilien ungewohnter Kurvenspaß kommt auf. Weil das Fahren soviel Spaß macht, düsen wir gleich auf der anderen Seite Cuencas wieder aus dem Städtchen hinaus und drehen ein große Runde durch die bergige Landschaft des Rio Júcar, die Serranía de Cuenca.
Bis etwa 1850 Höhenmeter reichen ihre Gipfel. Die Landschaft wird beherrscht von wild zerklüfteten Felsformationen, die alle einen Namen tragen. "Der Turm", "Der Hund", "Die Schiffe", die grauen Steingebilde tragen ihre Namen nicht zu Unrecht. Abends kehren wir nach Cuenca zurück, lassen den Tag in der Altstadt ausklingen. "Mar de Castilla" - welch ein passender Name.
Glitzernd in der Sonne liegt der riesige Stausee eingeschlossen von hohen, grün bewaldeten Bergen, unter uns. Auf der Panoramastraße oberhalb der riesigen Wasserfläche sind wir allein. Kein Auto begegnet uns. Die Aussicht über die Landschaft ist fantastisch. Wir lassen die GS oben an der Straße stehen, klettern den steilen Hang hinunter und legen uns gleich am Ufer in die Sonne.
Außer einem gelegentlichen Plätschern der kleinen Wellen zwischen den Ufersteinen und den Schreien der kreisenden Raubvögel ist nichts zu hören. "Kastiliens Meer" ist die beste und letzte Möglichkeit für uns, noch mal richtig Ruhe und Erholung zu tanken, bevor wir uns auf den langen Weg nach Hause machen. Von dieser Ruhe werden wir aber mit Sicherheit noch lange zehren.